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Ich habe es geschafft!

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  • Ich habe es geschafft!

    Es ist nun über 4 Jahre her, als ich während einer schweren Grippe einen Gast bekam. Er verhielt sich zunächst noch unauffällig, er stellte sich mir nicht vor, und ich dachte damals, er wäre ein Gefährte des Fiebers, jemand aus der Clique der Übelkeit, oder ein Komplize des Kopfschmerzes. Ich dachte damals, wenn die Veranstaltung in meinem Körper erst vorbei ist, dann werden sie alle wieder gehen.
    Das Fieber verabschiedete sich zuerst und nahm die Übelkeit mit. Der Kopfschmerz blieb noch ein wenig, begann aber zu schwächeln. Nur dieser fremde Ankömmling schien noch in Feierlaune und machte keine Anstallten, sich zu trollen. Im Gegenteil. Er hatte nun mehr Raum für sich entdeckt, und brauste grölend und pfeifend durch meinen Hirnkasten.
    Er hatte einen endlosen Atem und er hatte Talent, konnte er doch in unzählbaren Resonanzen krakeelen.
    Da war ausgedehntes Dröhnen, überlagert von aggressivem Kreischen, da waren Schrilltöne, massenhaft wortfreie Stimmen, die mich pausenlos anschrieen.
    Auf solche Gäste kann man verzichten! Schon mit ansprechendem Besuch verhält es sich manchmal nach ein paar Tagen wie mit ungekühltem Fisch. Aber anschreiender Besuch?

    So saß ich bald beim Arzt. Ahnungslos, dass ich ab nun ein Dauerkunde sein würde, wartete ich zwischen farbenreichen Bildern, in die ich mich nicht hineinfühlen konnte, und meist farblosen Menschen, in die ich mich nicht hineinfühlen wollte.
    Der Herr Doktor diagnostizierte dann: “Sie sind zu spät!“
    Und er versprach mir ein Leben, das ich fortan nie mehr alleine führen würde.
    „Quatsch, ich meine... wie meinen Sie das denn “ presste ich aus mir heraus, „jetzt mal ehrlich, damit kann man doch gar nicht leben!“
    „Sie werden es wohl müssen!“, bestätigte er, und ich weiß nicht, ob mir diese endgültigen Worte mehr zusetzten, oder dieser Blick. Ein Blick, den sonst nur die herbeiführen, die mit einem Drei-Zentner-Furunkel auf der Stirn und mit Fetzen bekleidet in der
    U-Bahn eine Zeitung feilbieten, um nicht total vor die Hunde zu gehen. Niemand weiß, wie er da gucken soll. Hingucken und nix kaufen geht nicht, also schaut man mal, was der U-Bahn-Tunnel so interessantes zu bieten hat. Und es ist jedem klar, der arme Schlucker wird so oder so vor die Hund gehen. Aber der Kerl ist ja wahrscheinlich selber schuld, oder einfach nur total verkorkst.

    Konnte ich bis dato diese Pfeifen in meiner Rübe noch irgendwie aushalten, so war damit spätestens Schluss, als die erste Infusionsnadel wie zur Bestätigung der ganzen Geschichte in meinen Arm gepflanzt wurde.
    Pieks mich mal, ich glaub ich träume“, brauchte ich nun niemanden mehr zu bitten.
    Lustig auch, dass mir noch garantiert wurde, die Infusionen nützen zwar nichts mehr, schaden aber auch nicht.
    Stimmt! Meine Arme sahen bald aus wie eine Backofenpizza - das hat mich nahezu ein wenig abgelenkt.

    Ich war ein Mensch, den so schnell nichts aus den Latschen kippen konnte, doch als ich bald feststellen musste, dass ich wirklich zu keiner Zeit meine Ruhe hatte, ganz egal was ich tat, und ich ja nun wusste, dass es den Rest meines Lebens so sein würde, begann mein Gerüst zu bröckeln. Ich fühlte mich wie eine 24 Stunden Baustelle, deren übermotivierte Arbeiter keine Erbauer waren, sondern Zerstörer, die mit Bohrern, Kreissägen und viel Fleiß mein Fundament aushöhlen wollten.

    Dann war da noch die Hyperakusis. Das ist eine wunderbare Geschichte, wenn du eine stille Umgebung so sehr meiden möchtest, wie ein Schwein die Bekanntschaft mit dem Metzger.
    So dachte ich über Plastikgeschirr nach, denn das Geklirr des Porzellans erzeugte in mir das Empfinden, meine Mahlzeiten mit einem Presslufthammer einzunehmen.
    Wie gut, als sich da noch ein chronisches Gehörgangsekzem dazugesellte. Nicht nur, um munter zu jucken, sondern auch, um mir gleich regelmäßig die Ohren zu verstopfen, damit ich meinen Tinnitus noch intensiver erleben durfte.

    Ich hatte Angst. Panik. Ich war wütend. Ich war traurig. Ich war mutlos. Ich war unheilbar.
    Und ich wurde komisch.
    Überall wo es rauschte, fühlte ich mich ein bisschen wohler. So ließ ich an achtspurigen Strassen meine Seele baumeln, kaufte mir eine Zehnerkarte nach der anderen in einem Sonnenstudio und verbrachte einen aufgedrehten Abend mit aufgedrehten Wasserhähnen auf den kalten Fliesen meines Badezimmers.
    Auf Schlaf war kaum zu hoffen. Ich versuchte es mit dem Fernseher, das ging früher auch. Jetzt wählte ich aber einen Kanal ohne Programm, in der Hoffnung, das Rauschen möge mich ins schweigsame Land der Träume geleiten. Vergeblich. Das Testbild in meinem Kürbis überlagerte alles. Jedes Geräusch. Jeden Gedanken.
    Und wenn ich dann gegen Sonnenaufgang ermattet einschlief und tatsächlich träumte, so hätte ich schwören können, dass der Parasit, der Parasit, der sich von meinen Nerven ernährte, der Schmarotzer, der mein Leben verspeiste, selbst die Traumwelt, die mir doch allein gehören sollte, mit mir teilte.
    Morgens fühlten sich meine Kiefer an wie eine Auster, die während der ganzen Nacht mit dem Koch ums Überleben gekämpft hat. In den Tiefen meiner Tränensäcke hätte ich meinen Zahnputzbecher abstellen können.. Meine Zähne putzte ich regelmäßig mit Rasierseife und rasieren entwickelte sich schnell zu einem lebensgefährlichen Wagnis.

    “Bei dir piepst es wohl!“ Jetzt kannte ich endlich den Ursprung dieser geflügelten Worte.

    Den Tinnitus kann keiner sehen. Du hinkst nicht, wenn du ihn hast, dir fehlt kein Arm, deine Haare fallen nicht aus, kein Ausschlag weit und breit. Was ist denn das für eine Krankheit?
    „Es ist ja keine, ist Symptom.“
    Doch Symptom für was? Symptom heißt Zeichen, also was in aller Welt will es mir denn zeigen? Ich hatte eine Grippe, nichts weiter. Einen unbemerkten Höhrsturz. Ich habe die Zeichen erkannt, vielen Dank, du kannst gehen, Tinnitus!
    Die Ärzte hatte ich durch. Ich fand keine Hilfe. Fühlte mich unverstanden. Ich hasste das Gefühl, wie ein armer Schlucker um die Linderung meiner unsichtbaren Qualen zu bitten. Und die Doktoren hatten meist keinen wirklichen Rat. Vermisst hat mich sicher keiner von ihnen.

    Aber wie erklärst du deinen Menschen, was mit dir los ist? Deinen Kollegen, die sich schon langsam fragen, ob du ein Drogenproblem hast, oder einfach ein paar Fenster in deinem Oberstübchen klemmen. Hättest du doch eine Gürtelrose, die jeder sehen kann, oder eine schöne Bronchitis, die alle hören können.
    „Du hörst Geräusche, ein Pfeifen? ...Aha... na ja,... das hab ich auch schon oft gehabt, das geht schon...“ „Tinnitus? Aaach, das hab ich schon seit Jaahren, is halb so wild...“
    „Tinnitus? Das ist doch so was psychisches, gell...?“„Entspann dich doch einfach mal!“
    Gönn dir doch einfach mal wieder ein bisschen Ruhe!

    AHHHAHAAAA!!!! Als das einer sagte, hätte ich am liebsten mit einer Kettensäge geantwortet. Ich machte mich zur Schildkröte, eierte mit eingezogenem Kopf nach Hause, und blieb dort. Ich und meine Kettensäge... im Schädel.

    Zusammengefasst: Ich war echt am Arsch!

    So vegetierte ich lange vor mich hin. Mein gesamtes Leben kreiste um diese Töne, die mich nicht verlassen wollten, die ich andauernd wahrnahm, selbst in geräuschvoller Umgebung.
    Mein Fokus war ganz und gar auf den Tinnitus gerichtet.

    Ich forschte nächtelang nach Abhilfe, doch außer der Retraining-Therapie, zu der ich mich nicht bereit fühlte, erschien mir alles als Schaumschlägerei.

    Dann ließ ich irgendwann ein bisschen los.

    Und damit viel mir auf, dass es ein paar kurze Momente gab, in denen ich den Tinnitus vergessen hatte. Es war wie in der ersten Zeit, wenn du mit dem Rauchen aufhörst. Anfangs glaubst du, das nicht zu überleben. Es gibt kaum eine Sekunde in der du, gebeutelt von der Schmacht, einen klaren Gedanken fassen kannst.
    Doch nach und nach häufen sich die Atemzüge, während denen du vergisst, dass du eine rauchen willst. Es fällt dir erst hinterher auf, aber du bist beflügelt, weil du für Augenblicke frei warst. Du willst zwar jetzt nichts lieber tun, als das mit einer schönen Zigarette zu feiern, aber es kann dich auch motivieren durchzuhalten. Die Momente der Freiheit werden immer länger, bis es irgendwann anders herum ist. Du denkst meist nicht mehr an das rauchen, nur manchmal noch kommt der Wunsch auf, sich eine anzuzünden.

    Das Spektakel in meinem Kopf machte niemals Pause. Aber mein Kopf begann immer öfter,
    sich eine Pause von diesem Spektakel zu nehmen. So tönte es zwar jederzeit beharrlich weiter, doch manchmal von mir unbeachtet.

    Das gab mir einen Lebensfunken.
    Aus Angst vor einer Verschlimmerung hatte ich mit dem Rauchen aufgehört, und nahm jetzt langsam wahr, dass ich mich dadurch trotz der schlafgestörten Nächte irgendwie wacher fühlte.

    ​​
    Ich packte ein neues Projekt an. Das Projekt Adonis!
    Man fand mich nun regelmäßig schwitzend in der Muckibude vor, wo ich alles gab. Es war ein neues, ein tolles Gefühl sich auszupowern, und vor allem: Während meiner Leibesertüchtigung konnte ich meinen Tinnitus
    vergessen. Man kann sich vorstellen, dass es kaum eine bessere Motivation geben kann, sich regulär in einer Fitness-Folterkammer aufzuhalten.
    Und ich schlief immer öfter, wie ein Murmeltier.

    Oft kroch ich noch durchs Kummertal, hätte mir zuweilen gerne eine Staubsaugerdüse gebaut, die ich mir ins Ohr führen kann, nur um mal zu sehen, ob man sich vielleicht mit 2000 Watt die Pfeiftöne aus dem Schädel saugen kann.
    Sie hörten nie auf und sie waren unablässig laut. Aber ihre Macht über mich und mein Leben schrumpfte.

    Heute, nach über vier Jahren, ist er immer noch da, dieser ungebetene Gast, der wohl in mir ein zu Hause gefunden hat. Er hat bis heute nicht einmal Luft geholt. Er ist nicht leiser geworden.

    Ich habe aufgegeben. Ich habe aufgegeben mich vom Tinnitus bestimmen zu lassen. Ich habe aufgegeben, ihn zu bekämpfen. Ich habe aufgegeben hinzuhören und ich habe aufgegeben ihn krampfhaft verdrängen zu wollen.
    Wenn es mir heute einmal schlecht geht, dann kann das viele Gründe haben, manche kann ich aus dem Weg räumen, dann versuche ich das. Manche kann ich nicht ändern, aber das kann man halt nicht ändern. Der Tinnitus selbst kann heute kein Grund mehr sein, dass es mir schlecht geht. (Es sei denn, ich war so irre, in eine Disco zu gehen um mir die volle Dröhnung zu geben.)

    Ich bin ein alltäglicher Mensch. Ich bin Atheist, ein Freidenker, der nicht mal viel für esoterischen Schnick-Schnack übrig hat. Und dennoch:
    Den Tinnitus konnte ich nicht ändern, aber ich konnte mich ändern und lernen selbst zu entscheiden, wie viel Macht ich der ganzen Geschichte einräume.

    Ich habe den Tinnitus akzeptiert. Ich habe meine Angst vor ihm verloren.
    Ich versuche es weder zu verdrängen, noch schenke ich dem Beachtung. Und seit dem, hat mein Hirn aufgehört, in ständiger Hab-acht Position zu lauern. Es ist meinem Denkorgan wohl langweilig geworden, unablässig auf diese Töne zu achten, deswegen nehme ich sie heute meist nicht einmal mehr in leiser Umgebung wahr, obwohl sie unvermindert da sind.
    .
    Und ist es nicht drollig?
    Am Ende kann ich sagen, ich habe viel gelernt von den Pfeifen, ich bin gesünder, sehe besser aus und habe noch mehr Selbstvertrauen.

    Ich danke allen, die meine Geschichte bis hier her durchgestanden haben und hoffe, alle Betroffenen finden eines Tages das, was sie brauchen , damit es ihnen einmal wieder so gut geht, wie mir heute.

    Mit den besten Wünschen

    Tanathos



    Diesen Erfahrungsbericht schrieb ich vor vielen Jahren für dieses Forum. Ich war seit dem nicht wieder hier.

    ​​Mein Bericht konnte damals vielleicht einigen ein bißchen Mut, Trost und Hoffnung geben, weswegen ich ihn doch gerne noch einmal mit Euch teilen möchte...

  • #2
    Hallo Tanathos,

    ein sehr interessanter Bericht bei dem ich mich in vielen Teile selber wieder erkenne. Ich kann deine Erfahrungen nur allzugut nachvollziehen. Ich hatte es auch über Jahre geschafft ihn komplett auszublenden. Sport und innere Stärke waren dabei meine Helfer.
    Leider scheint es bei mir z.Zt. so zu sein, dass mir die seeliche (innere) Kraft fehlt dies dies nochmals zu erreichen. Ich erkenne durchaus, wenn ich abgelenkt bin, dass ich ihn kaum wahrnehme, aber morgend sofort nach dem Wachwerden meint der "Kamerad"er müsste mich richtig durchschütteln.

    Klar hängt es an der inneren Einstellung. Ich weiss auch, dass ich mich nochmals daran gewühnen werde. Nur der Weg ist leider oftmals recht beschwerlich und lang. Ich habe es vor, diesmal ohne Medikamente (Antidepressiva) zu schaffen. Dies scheint aber noch schwieriger zu werden, wie vor 6 Jahren. Davor hatte ich 45 Jahre lang einen völlig kompensierten T. der mich quasi nicht juckte.

    Dein Bericht wird vielen Mut machen, die, so wie ich im Moment sich in einer schwierigen Phase befinden. Das schöne an deinem Bericht ist, dass keine seltsame Mittelchen oder Geräte empfohlen werden, wie man leider oft auf einschlägigen Seiten lesen kann, sondern aufzeigt, dass man durch die eigene Stärke wieder zu einem normalen Leben finden kann.

    Ich danke dir für den Beitrag und wünsche dir für die Zukunft auch weiterhin alles Gute.

    Wenn ich gerade dabei bin, möchte ich allen Mitlesern hier ein schönes gerusames und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2019 wünschen. In diesem Sinne lasst die Köpfe nicht hängen, es kommen auch wieder bessere Zeiten.

    Gruß
    Werner

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    • #3
      Schön geschrieben, Thanatos. Das könntest Du so, wie es ist, einem Journal oder einer Zeitung als Kurzgeschichte verkaufen. Der Gast hat Dir wahrscheinlich auch Dein Talent zum Schriftsteller mitgebracht.

      Es wird wohl so sein: Erst wenn es uns wirklich und wahrhaftig vollständig egal ist, ob der Geselle dröhnt, sinkt er aus dem Zentrum unserer Wahrnehmung ein wenig heraus. Es darf dies aber nicht auf Willensentscheid allein beruhen, sondern auf der wirklichen, inneren Haltung. Die lässt sich nicht befehlen, die ensteht ganz von selbst. Psychische Ermüdung kann helfen, nach dem Motto: Jetzt reicht es, ich lass ihn einfach brummen. Ist mir doch egal, ob er da ist, oder nicht. Nicht mehr prüfen! Einfach: egal!

      Anderen, nicht betroffenen Menschen zu vermitteln, was Tinnitus ist, habe ich aufgegeben. Ich verstehe jene aber: Keiner würde diese Hölle auf Erden für möglich halten, solange er selbst es nicht an sich erfährt. Manchmal sagte ich, wenn ich es absolut satt hatte, anderen einen Eindruck zu vermitteln, dass ich lieber Krebs hätte - da würde man entweder geheilt, oder man verreckt dran, beides wäre mir recht. Aber nicht dieser Zustand ohne Aussicht auf Heilung! Das ist dann der harte, brutale Punkt, wo man anderen ein Fenster öffnet. Aber ich rede nicht mehr mit Ungeplagten darüber. Stattdessen fallen mir Menschen von früher ein, die so lustige Dinge sagten, wie: "Ich habe ein Trafohäuschen im Nischel!" (Nischel ist sächsisch für: Schädel). Da hat man damals gar nicht drüber nachgedacht.

      Nun macht es aber den Menschen (in unserem Fall: leider!) aus, das er hofft, hoffen will, sich an Strohhalme klammert. Solange wir noch glauben, irgend etwas Sonstiges (Physiotherapie, Psychotherapie, Lasertherapie, Osteophatie, Hypnose, B 12, Magnesium, Ginkgo usw.) könnten uns helfen, gibt es kein Loslassen. Unsere Hoffnung steht uns im Wege. Und das ist der Punkt, wo der Tinnitus dann den 5ten Gang einlegt ;-)

      Mit dem Sport und all diesen Dingen geht es mir derzeit noch so, dass ich in einer Erwartungshaltung bin. Während des Sports (in meinem Fall Radfahren, Yoga, auch mal 110 Minuten auf Arbeit laufen und zurück) geht es mir noch so, dass der Tinnitus da nicht mehr wahrnehmbar ist (wie eigentlich immer, wenn ich die Wohnung verlasse), aber ich eben auch noch ERWARTE, das er hinterher LEISER ist. Oder mal weg bleibt. Ist dies nicht der Fall, rutsche ich wieder in ein irdisches Jammertal. Noch habe ich nicht wirklich alles durch, noch habe ich ein wenig Hoffnung, will im Januar mal Orthopädie, Kieferchirugie und Ostheopathie versuchen.

      Aber es gibt auch Zeiten, da geht es mir relativ gut, ich lasse den Typen brummen, sage kurz "pfeiff drauf", und mache, was ich machen will. Selbst lesen - wenn das zu Lesende so interessant ist, dass es mich fesselt, interessiert mich das Brummen einfach nicht.

      Und ja, ich habe ihn jetzt ein halbes Jahr. Ich realisiere, dass ich lerne, damit auszukommen. Es gibt suizidale Tage, - die gab es aber schon immer, dazu brauchte ich den Tinnitus nicht. Dann gibt es auch wieder beinah "normale, schöne Tage. Die Amis schwören ja derzeit auf einen starken Zusammenhang von Langzeit-Depressionen und Tinnitus. Für mich, muß ich sagen, klingt das plausibel. Je mehr ich insgesamt für mich unternehme, um mehr Freude am leben zu haben, desto unaufdringlicher ist der Gast.

      Insofern: Okay, der hat sogar sein Gutes. Ohne ihn wäre ich nie zu Yoga und Ausdauer-Sport gekommen, was mir viel Kraft und Freude bringt. Ohne den Tinnitus stünden vielleicht gar Infarkt und/oder Schlaganfall an, wer weiß? Ich habe 25 Jahre meditiert und ich mich hinein gelauscht. Jetzt ist es eben an der Zeit, etwas aktiver, - beweglicher, - zu sein.
      Zuletzt geändert von Klingsohr; 20.12.2018, 11:51.

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      • #4
        TANATHOS, ich danke dir fūr diesen wunderbar geschriebenen Bericht ūber deinen Weg mit dem Tinnitus leben zu lernen. Ich habe seit 2005 Tinnitus und wie viele war ich durch die Hõlle gegangen, ich hatte streckenweise das Gefūhl wahnsinnig zu werden.
        Den Weg den du eingeschlagen hattest, bin ich auch gegangen, so wie du es beschrieben hast. Es geht mir seit vielen Jahren schon gut, ich kann mit meinen Ohrgeråuchen leben.
        Es ist wirklich die einzige Therapie, die zum Erfolg fūhlt.
        Ich mußte immer Nebengeråuche den ganzen Tag um mich haben, jetzt bin ich sogar schon so weit, daß ich ein paar Stunden in einem stillen Raum mit meinen Ohrgeråuchen sein kann, ich habe die HOHE SCHULE erreicht, also Mut ihr LIEBEN Tinnitusgeplagten, nur Mut.
        Das Glück hängt von den guten Gedanken ab, die man hat.

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